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Über die Schwierigkeit, Begeisterung für Prozesse zu schulen – Teil 1: Theorie

Lese­zeit: 3 Minu­ten
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Wer kennt ihn nicht, den Stoß­seuf­zer „Nicht schon wie­der!“, sobald eine neue Auf­for­de­rung zur Teil­nah­me an einer Pro­zess­schu­lung im Post­fach lan­det. Wäh­rend Mit­ar­bei­ter häu­fig dar­um rin­gen, fach­li­che Schu­lun­gen besu­chen zu dür­fen, wür­den sie den obli­ga­to­ri­schen Pro­zess­schu­lun­gen lie­ber aus dem Weg gehen. Dies fängt bei der jähr­li­chen Sicher­heits­un­ter­wei­sung an („Ich kom­me immer kurz vor Schluss und unter­schrei­be dann.“) und gip­felt im Selbst­stu­di­um der neu­es­ten Ver­si­on einer Arbeits­an­wei­sung („Das habe ich doch gera­de erst gelesen.“).

Die Wirk­sam­keit der Schu­lung ist in bei­den Fäl­len fragwürdig.

Wie müs­sen Pro­zess­schu­lun­gen aus­se­hen, um für die Teil­neh­mer attrak­tiv zu sein? Die Ant­wort ist eigent­lich rela­tiv ein­fach. Pro­zess­schu­lun­gen müs­sen hilf­reich sein. Erwach­se­ne ler­nen anders als Kin­der. Kin­der sind es aus der Schu­le gewohnt, sich mit ver­schie­de­nen The­men aus­ein­an­der set­zen zu müs­sen, zu denen sie nicht unbe­dingt einen Bezug haben. Erwach­se­ne sind da weni­ger leidensfähig.

Prin­zi­pi­ell gilt: Je nütz­li­cher die in der Schu­lung ver­mit­tel­te Infor­ma­ti­on für den Teil­neh­mer ist, des­to leich­ter prägt sich besag­te Infor­ma­ti­on ein. Hin­zu kommt, dass Erwach­se­ne über einen grö­ße­ren Erfah­rungs­schatz ver­fü­gen. Sie ver­su­chen, die erhal­te­nen Infor­ma­tio­nen mit bestehen­dem Wis­sen zu ver­knüp­fen. Dies fällt umso leich­ter, je mehr Bezug die erhal­te­ne Infor­ma­ti­on zur täg­li­chen Arbeit hat.

Auch in ande­rer Hin­sicht unter­schei­det sich die Erwach­se­nen­bil­dung vom Schul­un­ter­richt. Es ist weit­aus schwie­ri­ger, etwas wie­der zu „ver­ler­nen“ als es zum ers­ten Mal zu ler­nen. Hier hilft nur üben, üben, üben. Kin­der bekom­men dafür Haus­auf­ga­ben, aber von den erwach­se­nen Kol­le­gen erwar­ten wir, dass sie Ände­run­gen im Arbeits­ab­lauf nach ein­mal Hören bereits umset­zen kön­nen… Dabei soll­ten wir es bes­ser wis­sen. Die meis­ten zer­ti­fi­zie­ren­den Schu­lun­gen, wie z.B der ISTQB® Cer­ti­fied Tes­ter, klas­si­fi­zie­ren die zu errei­chen­den Lern­zie­le in soge­nann­te kogni­ti­ve Stu­fen. Die unters­te Stu­fe, auch K1 genannt, ent­spricht grob gesagt dem Grund­satz „wis­sen, wo’s steht“. Erreicht ein Teil­neh­mer die nächs­te Stu­fe (also K2), so hat er oder sie die Zusam­men­hän­ge ver­stan­den. Erst bei K3 kann der Teil­neh­mer das Gelern­te nach einem ein­fa­chen Strick­mus­ter anwen­den. Es fol­gen die Stu­fen Ana­ly­se (K4), Syn­the­se (K5) und Eva­lua­ti­on (K6).

Ähn­li­che Taxo­no­mien gibt es auch für psy­cho­mo­to­ri­sche und affek­ti­ve Lern­zie­le. Die psy­cho­mo­to­ri­sche (d.h. hap­ti­sche) Ska­la ran­giert vom simp­len „Nach­ma­chen“ (im Fach­jar­gon „Imi­ta­ti­on“ genannt) bis zu völ­lig ver­in­ner­lich­ten Abläu­fen („Natu­ra­li­sie­rung“). Jeder Fahr­an­fän­ger durch­läuft die­se fünf Stu­fen mit zuneh­men­der Fahr­pra­xis. Auf Pro­zess­schu­lun­gen bezo­gen bedeu­tet dies, dass neue Abläu­fe oder der Umgang mit neu­en (Software-)Werkzeugen nicht von heu­te auf mor­gen ver­in­ner­licht wer­den kann. Die gute Nach­richt ist, dass sich die Übung mit der Zeit ein­stellt. „Lear­ning by Doing“ ist hier der tat­säch­lich bes­te Weg.

Die affek­ti­ven Lern­zie­le blei­ben aber meist auf der Stre­cke. Auch hier gibt es eine Taxo­no­mie mit fünf Stu­fen. Auf der unters­ten Stu­fe wer­de ich auf ein The­ma auf­merk­sam. Nach der Lek­tü­re eines Arti­kels über Plas­tik­müll ste­he ich zum ers­ten Mal vor dem Kühl­re­gal und fra­ge mich, ob es nicht bes­se­re Wege gibt, als täg­lich meh­re­re Jogurt­be­cher abge­spült in den gel­ben Sack zu wer­fen. Auf der nächs­ten Stu­fe reagie­re ich und kau­fe den ers­ten Jogurt im Glas, ohne jedoch schon voll­stän­dig von der Sinn­haf­tig­keit die­ser Akti­on über­zeugt zu sein. Erst auf Stu­fe 3 errei­che ich einen Punkt, ab dem ich mich bes­ser füh­le, wenn ich einen Jogurt im Glas kau­fe. Ich begin­ne, bei jedem Plas­tik­be­cher ein schlech­tes Gewis­sen zu haben. Die zwei obers­ten affek­ti­ven Stu­fen hei­ßen „struk­tu­rier­ter Auf­bau eines Wer­te­sys­tems“ und „Erfüllt sein durch den Wert / die Wer­te­struk­tur“. Auf Plas­tik­müll bezo­gen bedeu­tet dies, dass ich sys­te­ma­tisch alles unnö­ti­ge Plas­tik aus dem Ein­kaufs­wa­gen ver­ban­ne bis ich am Ende Flug­blät­ter ver­tei­lend in der Fuß­gän­ger­zo­ne stehe.

Pro­zess­schu­lun­gen soll­ten den Anspruch haben, Stu­fe 3 („Wer­ten“) zu errei­chen. Schließ­lich möch­ten wir, dass Mit­ar­bei­ter die Pro­zes­se aus Über­zeu­gung befol­gen und nicht nur, weil sie Stra­fe fürch­ten. Dazu müs­sen sie jedoch ver­ste­hen, wel­che grund­le­gen­de Moti­va­ti­on den Pro­zess­vor­ga­ben zu Grun­de liegt. „Das ist halt so gefor­dert“ reicht dabei als Moti­va­ti­on nicht aus. Denn auch dies unter­schei­det Erwach­se­ne von Kin­dern. Wir machen nicht mehr alles mit, nur weil der Leh­rer es von uns verlangt …

Soweit zur Theo­rie. In Kür­ze folgt Teil 2 mit kon­kre­ten Tipps zur Gestal­tung und Prä­sen­ta­ti­on von Prozessschulungen.

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