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Vom „Faktor Mensch“ und anderen Unwörtern

Lese­zeit: 5 Minu­ten
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Die­ser Arti­kel ist nahe­zu wort­gleich zuerst im SQ-Maga­zin Nr. 19, 2011 erschie­nen. Mit Aus­nah­me eini­ger Links ist er auch sie­ben Jah­re spä­ter unver­än­dert gül­tig. Eigent­lich erschreckend…

Wer sich die Hek­tik des heu­ti­gen Berufs­all­tags anschaut, fühlt sich unwei­ger­lich an Momo und die grau­en Her­ren von der Zeit-Spar-Kas­se erin­nert [1]. Alles soll, wenn mög­lich, bis ges­tern erle­digt wer­den. Damit es noch schnel­ler geht, gibt es hier­für sogar ein Akro­nym: „ASAP“. (Ihnen sagt der Begriff nichts? Glück­wunsch! ASAP steht für „as soon as pos­si­ble“.) “ASAP“ ist eines mei­ner per­sön­li­chen Unwör­ter. Schon als klas­si­sche Anfor­de­rung betrach­tet, genügt es wohl kaum den gän­gi­gen Qua­li­täts­kri­te­ri­en: nicht mess­bar (wann ist „as soon“?), nicht ein­deu­tig (was gilt als „pos­si­ble“?) und in der Regel im Kon­flikt zu allen ande­ren Punk­ten auf der Tagesordnung.

Zeit­man­gel ist heut­zu­ta­ge chro­nisch gewor­den. Die glei­che Men­ge Arbeit wird auf immer weni­ger Schul­tern ver­teilt. Hin­zu kommt, dass zuneh­mend mehr Spe­zia­lis­ten gefragt sind, die sich dann zwi­schen unter­schied­li­chen Pro­jek­ten auf­tei­len müs­sen – und das kos­tet bekannt­lich Zeit. Wir sind in einen Teu­fels­kreis gera­ten. Ein Mana­ger ver­bringt so viel Zeit in Sta­tus­be­spre­chun­gen, dass er (oder sie) das kon­kre­te Pro­jekt­ge­sche­hen – und damit die Sor­gen und Nöten sei­ner Mit­ar­bei­ter – nicht mehr direkt mit­er­lebt. Um den­noch auf dem Lau­fen­den zu sein, wer­den wei­te­re Sta­tus­be­spre­chun­gen ange­setzt. Als Fol­ge bleibt uns wenig Frei­raum, unse­re Zeit nach eige­nem Gut­dün­ken ein­zu­tei­len. Die Fremd­be­stim­mung unse­rer Arbeit im All­ge­mei­nen und unse­rer Zeit­ein­tei­lung im Beson­de­ren ist zur Regel geworden.

Dies ist mei­nes Erach­tens der eigent­li­che Grund, wes­halb agi­le Pro­zes­se so popu­lär gewor­den sind! SCRUM ver­spricht dem Team ein hohes Maß an Eigen­ver­ant­wort­lich­keit. (Ob die­se tat­säch­lich in der Pra­xis gege­ben ist, sei ein­mal dahin gestellt.) Zwei der vier The­sen des agi­len Mani­fests han­deln von Men­schen und zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, d.h. Kom­mu­ni­ka­ti­on. In der Regel wer­den jedoch die bei­den ande­ren eher tech­ni­schen Aspek­te her­vor­ge­ho­ben, als da wären: funk­tio­nie­ren­de Pro­gram­me und Fle­xi­bi­li­tät gegen­über Ände­run­gen. Dies ent­spricht der Nei­gung von uns Inge­nieu­ren und Natur­wis­sen­schaft­lern, die schwer beherrsch­ba­re, nicht objek­ti­vier­ba­re mensch­li­che Psy­cho­lo­gie mög­lichst weit aus­zu­klam­mern. Dabei geht es bei Agi­li­tät auch und gera­de um die­se Punk­te: Wahr­neh­mung und Wert­schät­zung des Ein­zel­nen, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Selbst­be­stim­mung. Durch die ver­stärk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Kun­den wird für den Ent­wick­ler trans­pa­rent, wofür sei­ne Arbeit gut ist. Das wie­der­um stärkt die Motivation.

Die Leu­te sind es leid, als „Res­sour­cen“ betrach­tet zu wer­den – sozu­sa­gen als CPU-Zeit des Super­com­pu­ters Erde [2]. Wir reden ger­ne davon, wie ent­schei­dend der „Fak­tor Mensch“ den Pro­jekt­er­folg beein­flusst. Hier wird der Ein­zel­ne zur Rei­bungs­kon­stan­te oder – im bes­ten Fall – zum Erfolgs­ko­ef­fi­zi­ent in der For­mel des Pro­jekt­er­folgs redu­ziert. So betrach­tet erscheint der Satz: „Indi­vi­du­en und Inter­ak­tio­nen sind wich­ti­ger als Pro­zes­se und Werk­zeu­ge“ wie ein Lichtblick.

Dass agi­le Pro­zes­se die Moti­va­ti­on för­dern, ist seit lan­gem bekannt. Ist damit alles gesagt? Auch über den Umgang mit Mit­ar­bei­tern wur­de seit Tom de Mar­co bereits alles Wich­ti­ge geschrie­ben [3]. Die Theo­rie ist bekannt, die man­gel­haf­te Umset­zung in der Pra­xis wird jedoch nicht dis­ku­tiert. Dabei han­delt es sich um das The­ma, wel­ches uns alle betrifft. Mit­ar­bei­ter­mo­ti­va­ti­on ist die obers­te Auf­ga­be einer Füh­rungs­kraft. Statt­des­sen wird ger­ne auf den „selbst­mo­ti­vier­ten Mit­ar­bei­ter“ ver­wie­sen. Es mag schon sein, dass Moti­va­ti­on nicht von außen erzielt wer­den kann, son­dern von innen kom­men muss. Dabei wird jedoch ger­ne über­se­hen, wie wenig es braucht, um jeman­den zu demo­ti­vie­ren. Wie schon Eugen Roth sag­te: „Ein Mensch fühlt oft sich wie ver­wan­delt, sobald man mensch­lich ihn behan­delt!“ [5]

Auch die chro­ni­sche Zeit­not wirkt sich nega­tiv auf die Moti­va­ti­on aus. Schlim­mer noch – die damit ein­her­ge­hen­de Über­las­tung ist einer der Haupt­fak­to­ren für Stress und führt im Extrem­fall zum Bur­nout-Syn­drom. Laut FAZ gin­gen 2008 rund 11 Pro­zent aller Fehl­ta­ge auf psy­chi­sche Erkran­kun­gen zurück; fast dop­pelt soviel wie im Jahr 1990 [4]. Inzwi­schen rech­nen Exper­ten damit, dass etwa 20 Pro­zent aller Berufs­tä­ti­gen vom Bur­nout-Syn­drom oder ande­ren psy­chi­schen Erkran­kun­gen betrof­fen sind [6]. Die­se Zah­len wach­sen sich lang­sam zu einem wirt­schaft­li­chen Risi­ko aus und wer­den damit plötz­lich doch zum The­ma. Die Ein­zel­schick­sa­le, die bei Kol­le­gen tie­fe Betrof­fen­heit aus­lö­sen, inter­es­sie­ren jedoch im grö­ße­ren Zusam­men­hang kaum. Über­spitzt gesagt dis­ku­tie­ren wir dar­über, ob wir unse­re Lege­hen­nen doch bes­ser behan­deln müs­sen, damit sie wei­ter­hin Eier legen. Begrif­fe wie „Head­count“ und „Bodylea­sing“ ver­deut­li­chen die Anony­mi­sie­rung in extre­mer Wei­se. Beson­ders anschau­lich wird die Distanz bei Aus­drü­cken wie „Off­sho­ring“ und „Out­sour­cing“. Jede Burg hat im inners­ten Hof einen Brun­nen – wir aber lagern unse­re Quel­le an ande­re Ufer aus.

In Micha­el Endes Geschich­te ret­tet Momo die Mensch­heit, indem sie die gespar­te Zeit wie­der frei­setzt [1]. Das war jedoch, bevor Kre­dit­in­sti­tu­te anfin­gen, hoch­ris­kan­te Spe­ku­la­tio­nen mit den Ein­la­gen ihrer Kun­den zu betrei­ben. Lei­der fürch­te ich, dass es kei­nen äonen­schwe­ren Ret­tungs­schirm für Zeit­spar­kas­sen geben wird. Uns bleibt nur eine Lösung: wir müs­sen bewuss­ter mit unse­rer Zeit umge­hen. Wir haben es selbst in der Hand. Wie oft sagen wir: „Ich habe kei­ne Zeit“, z.B. um abends zum Sport zu gehen? Bis zu dem Tag, an dem uns der Band­schei­ben­vor­fall ereilt. Danach sehen wir die Din­ge anders. Auf ein­mal ist die Kran­ken­gym­nas­tik der wich­tigs­te Ter­min im Kalender.

Es ist also alles eine Fra­ge der Prio­ri­tä­ten. Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich! Wir brau­chen fle­xi­ble Lösun­gen für den Ein­zel­nen. Je nach Per­son kön­nen die­se ganz unter­schied­lich aus­se­hen (z.B. Teil­zeit für jun­ge Väter oder die Mög­lich­keit, eige­ne Arbeits­er­geb­nis­se selbst auf einer Tagung zu präsentieren).
Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen: ich hat­te weder einen Band­schei­ben­vor­fall, noch lei­de ich am Bur­nout-Syn­drom. Die Welt ist auch nicht schwarz-weiß, son­dern bunt und wie bei der nor­we­gi­schen Küs­te umso viel­fäl­ti­ger, je genau­er man hin­schaut. Mir geht es ledig­lich dar­um zu zei­gen, wie sich die Ter­mi­no­lo­gie von Bör­sen­ana­lys­ten in unse­ren täg­li­chen Sprach­ge­brauch ein­zu­schlei­chen droht. Hüten wir uns davor, die damit ver­bun­de­ne Denk­wei­se zu übernehmen!

P.S.: Falls Sie Momo nicht ken­nen, neh­men Sie sich die Zeit und lesen es. Für alle ande­ren gibt es auf Wiki­pe­dia eine kur­ze, zeit­spa­ren­de Zusammenfassung.

[1] Micha­el Ende, “Momo”, K. Thie­ne­manns Ver­lag Stutt­gart, 1973[2] Dou­glas Adams, “The Hitch Hiker’s Gui­de to the Gala­xy”, 1984[3] Tom de Mar­co, und Timo­thy Lis­ter, „Wien war­tet auf Dich”, Carl Han­ser Ver­lag Mün­chen Wien, 1999[4] FAZ.NET, „Burn-Out statt Grip­pe“, 29.03.2010
[5] Eugen Roth, „Von Mensch zu Mensch“, Deut­scher Bücher­bund, Rech­te bei Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen, Franz Ehren­wirth Ver­lag KG, Mün­chen und Eugen Roth[6] Mün­che­ner Insti­tut für Lösungs­ori­en­tier­tes Den­ken, „Daten & Fak­ten Fol­gen für Unter­neh­men“, zuletzt auf­ge­ru­fen am 05.06.2018

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