Der EU AI Act nach Branche
Sie lesen Teil 2 unserer Artikelserie zum EU AI Act.
- Teil 1 – Der EU AI Act im Jahr 2026: Was jedes Unternehmen mit KI-Software jetzt wissen muss
- Teil 2 – Der EU AI Act nach Branche: Was MedTech, Automotive, Finanzen und Verwaltung unterscheidet
Im ersten Teil dieser Serie haben wir den EU AI Act im Überblick vorgestellt: den risikobasierten Ansatz, die vier Risikostufen, die zentralen Fristen. Der Rahmen ist klar, doch die Auswirkungen sind je nach Branche sehr unterschiedlich.
Die Hochrisiko-Einstufung ergibt sich aus der Kombination von Branche, Produkttyp und Rolle im KI-Lebenszyklus. Ein Unternehmen kann gleichzeitig Provider für ein Produkt und Deployer eines eingekauften Systems sein. Jetzt wird es konkret: Was bedeutet der AI Act für Ihre Branche?
Eine Verordnung, viele Realitäten
Eine Verordnung, viele Realitäten
MedTech
KI-basierte Medizinprodukte stehen vor einer Doppelregulierung. Wer Software als Medizinprodukt (SaMD) der Klassen IIa bis III entwickelt, fällt über die MDR/IVDR automatisch in die Hochrisiko-Kategorie des AI Act. Der Schlüssel liegt in der Integration beider Regelwerke in ein gemeinsames QMS, nicht in zwei parallelen Systemen.
Automotive
Sicherheitskritische KI in Fahrzeugen – von Fahrerassistenzsystemen bis hin zu autonomen Fahrfunktionen – steht unter besonderer Beobachtung. Die EU plant einen delegierten Rechtsakt, der die bestehende Typgenehmigung um KI-spezifische Anforderungen ergänzt. Für OEMs und Zulieferer entstehen komplexe Verantwortungsketten entlang der Lieferkette.
Finanzen und Versicherungen
Kredit-Scoring und Risikobewertung natürlicher Personen sind explizit als Hochrisiko benannt. Im Mittelpunkt stehen Fairness und Nichtdiskriminierung. KI-Modelle dürfen geschützte Merkmale nicht als Proxy für Kreditrisiken nutzen. Betrugserkennungssysteme sind ausdrücklich ausgenommen.
E-Government
KI-Entscheidungen über Bürger – ob bei Sozialleistungen, Visa-Verfahren oder in der Justiz – gelten als Hochrisiko. Behörden müssen verpflichtend eine Grundrechtsfolgenabschätzung durchführen. Die Frist für den öffentlichen Sektor ist verlängert: Bis August 2030 müssen bestehende Systeme vollständig konform sein.
Industrie
Der Großteil industrieller KI-Anwendungen – prädiktive Wartung, Qualitätskontrolle, Produktionsplanung – fällt unter minimales Risiko. Die Ausnahme: KI-Sicherheitsbauteile in Maschinen, die unter die neue Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 fallen. Hier greifen die Hochrisiko-Anforderungen.
Gemeinsame Herausforderung, unterschiedliche Stellschrauben
Was alle Branchen teilen: den Bedarf an Risikomanagement, Daten-Governance, technischer Dokumentation und Human Oversight. Was sich unterscheidet, sind die regulatorischen Bezugsrahmen und die Einstiegspunkte.
- In der Medizintechnik geht es darum, den AI Act in das bestehende MDR-QMS zu integrieren: keine Doppelstruktur, sondern Erweiterung.
- Im Automotive-Bereich ist eine sichere Einschätzung erst möglich, wenn die delegierten Rechtsakte veröffentlicht sind.
- Finanzdienstleister stehen vor der Herausforderung, Erklärbarkeit und Fairness ihrer KI-Modelle nachzuweisen.
- In der öffentlichen Verwaltung fehlen oft Ressourcen und technisches Know-how bei gleichzeitig besonders sensiblen Anwendungen.
- Die Industrie profitiert von einer etablierten Safety-Kultur, muss aber die neuen KI-spezifischen Anforderungen in bestehende Prozesse einbetten.
Keine Branche kann den AI Act ignorieren. Aber der Einstiegspunkt und die Prioritäten unterscheiden sich erheblich.
Der richtige Einstieg für Ihre Branche
In jeder Branche beginnt der Weg mit einer Klassifizierung und Bestandsaufnahme. Doch die konkreten Startpunkte variieren:
- MedTech-Unternehmen sollten ihr bestehendes MDR-QMS als Ausgangspunkt für die AI-Act-Integration nutzen.
- Automotive-Unternehmen profitieren davon, frühzeitig ein KI-Inventar zu erstellen und sicherheitskritische von nicht-sicherheitskritischen Systemen zu trennen.
- Finanzdienstleister sollten ihre Kredit-Scoring- und Pricing-Modelle auf Erklärbarkeit und Fairness prüfen.
- Behörden starten am besten mit einem Use-Case-Inventar und einer Grundrechtsfolgenabschätzung.
- Industrieunternehmen können ihre bestehenden Safety-Prozesse als Brücke zur AI-Act-Compliance nutzen.
sepp.med begleitet Unternehmen branchenübergreifend bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen – von MedTech über Automotive bis hin zu E-Government und Finanzen. Keine One-Size-Fits-All-Beratung, sondern branchenspezifische Integration.
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FAQs
Für MedTech existiert die MDCG 2025-6 Guidance, die das Zusammenspiel von MDR und AI Act konkretisiert. Für Automotive werden delegierte Rechtsakte erwartet. Andere Branchen orientieren sich an ISO/IEC 42001 und den allgemeinen Guidance-Dokumenten der EU-Kommission.
Es kommt auf das jeweilige KI-System und seinen Einsatzkontext an. Eine produktbezogene Klassifizierung ist der richtige Startpunkt, nicht eine pauschal branchenbezogene.
In einigen Bundesländern und über EU-Programme sind Fördermöglichkeiten für KMU in Vorbereitung. Die Details sind noch in Klärung. Eine individuelle Prüfung lohnt sich.
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 – Volltext (deutsch) – Offizieller Gesetzestext im Amtsblatt der EU
- European Commission – AI Act: Regulatory Framework – Offizielle Übersichtsseite der Kommission zum AI Act mit Fristen und Umsetzungsstand
- European Commission – Standardisation of the AI Act – Offizielle Informationsseite zu den harmonisierten Standards (CEN/CENELEC) und deren Rolle bei der AI-Act-Compliance
- ISO/IEC 42001:2023 – AI Management Systems – Offizielle ISO-Seite zum weltweit ersten Standard für KI-Managementsysteme
- MDCG 2025-6 – Interplay between MDR/IVDR and the AI Act (PDF) – Offizielle FAQ-Guidance der Medical Device Coordination Group zum Zusammenspiel von MDR/IVDR und AI Act für KI-Medizinprodukte (MDAI)
- European Commission – Guidelines for providers of general-purpose AI models – Offizielle Leitlinien der Kommission zur Auslegung der GPAI-Pflichten (seit August 2025 anwendbar)