KI-Coding-Assistenten versprechen mehr Code in kürzerer Zeit. Eine aktuelle Telemetrie-Auswertung von Faros AI über 22.000 Entwickler und mehr als 4.000 Teams zeigt jedoch, wohin die gewonnene Zeit tatsächlich abfließt: Bei hoher KI-Nutzung stieg die mediane Zeit im Pull-Request-Review (PR-Review) um 441,5 Prozent und die Zahl der Incidents pro Pull Request um 242,7 Prozent (Faros AI, 2026). Der Engpass hat sich verschoben: von der Codeerzeugung zur Prüfung.
Für Engineering-Verantwortliche in Medizintechnik, Automotive oder Finanzwesen ist das aufgrund der strengen regulatorischen Anforderungen besonders relevant. Wenn Review-Kapazität zum limitierenden Faktor wird, betrifft das genau die Rolle, die in regulierten Projekten ohnehin am knappsten ist: erfahrene Ingenieurinnen und Ingenieure, die Freigaben fachlich und persönlich verantworten.
KI demokratisiert die Fähigkeit, Code zu produzieren. Sie demokratisiert nicht im gleichen Maß die Fähigkeit, die Richtigkeit einer Änderung im Gesamtsystem zu beurteilen. Eine Untersuchung der GitHub-Copilot-Einführung in Open-Source-Projekten von Xu und Kollegen (2025) macht diesen Unterschied konkret messbar: Erfahrene Core-Entwickler prüften nach der Einführung 6,5 Prozent mehr Code, während ihre eigene, originäre Codeproduktivität um 19 Prozent zurückging.
Der zusätzliche Output landet damit nicht gleichmäßig im Team. Er verschiebt sich zu den Personen, die Systemwissen, historische Designentscheidungen und Risikoeinschätzung besitzen. Denn genau das lässt sich am schwersten an eine KI delegieren.
Auch aus Entwicklersicht bestätigt sich diese Verschiebung. In einer Längsschnittstudie unter professionellen Softwareentwicklern gaben 82 Prozent an, in der zweiten Befragungswelle weniger Zeit mit dem eigentlichen Schreiben von Code zu verbringen (Vella & Blincoe, 2026). Die Autorinnen führen dafür eine neue Kategorie ein: „supervisory engineering work“ – KI anweisen, ihre Ergebnisse bewerten und Fehler korrigieren.
Das verändert, was als wertvolle Senior-Arbeit zählt. Ein Principal Engineer, der weniger Code selbst tippt, kann produktiver geworden sein, sofern er bessere Spezifikationen liefert oder eine Verifikationsregel baut, die Hunderte künftige Fehler verhindert. Klassische Metriken wie Lines of Code oder reine PR-Zahl bilden das nicht mehr ab.
Für Beförderungskriterien ist das ein blinder Fleck vieler Organisationen. Gartner prognostiziert, dass bis 2027 in 70 Prozent der Rollenbeschreibungen für Software-Engineering-Führungskräfte GenAI-Oversight explizit verlangt wird, gegenüber unter 40 Prozent zuvor (Gartner, 2025). Gleichzeitig warnt Gartner ausdrücklich davor, Nachwuchskräfte aus kleiner werdenden Teamstrukturen herauszudrängen: Das schwächt Wissenstransfer und genau die Erfahrungsbasis, aus der später Senior-Urteilsvermögen entsteht (Gartner, 2026).
Für Ihre Führungsebene heißt das konkret:
Wer diese Punkte nicht aktiv angeht, riskiert, dass die knappste und teuerste Expertise der Organisation nicht für Architektur oder Wissenstransfer eingesetzt wird, sondern für das Aufräumen eines wachsenden KI-Outputs. Strukturierte KI-Integrationsberatung und gezielte Weiterbildung, etwa in der „ISTQB® Testing with Generative AI“-Schulung der sepp.med Akademie, setzen genau an dieser Stelle an, lange bevor Review-Rückstau zum Qualitätsrisiko wird.
Wie sich diese Verschiebung nicht nur auf Teamstrukturen, sondern auch auf Sourcing-Entscheidungen und die Frage auswirkt, ob KI-Kompetenz als Chance oder Bedrohung wahrgenommen wird, ist mehr als eine reine Prozessfrage. Genau diesen größeren Rahmen nimmt der vierte Vortragsslot beim nächsten sepp.med Afterwork Exchange auf: Markus Rautert, Chief Technology Officer bei adidas, spricht am 24. September 2026 in Röttenbach über einen Gameplan für Unternehmen im Umgang mit KI, von veränderter Delivery-Ökonomie bis zu sich verändernden Talentpyramiden.
Wir laden zur nächsten Ausgabe des Afterwork Exchange ein. Am 24. September 2026 treffen sich Entscheider und Experten zum Austausch über aktuelle Trends rund um KI und Softwareentwicklung. Diskutieren Sie mit!
Nein, eher im Gegenteil. Gartner warnt ausdrücklich vor einer Aushöhlung der Talentpipeline, wenn Nachwuchskräfte aus Teams herausfallen. Ihr Erfahrungsaufbau verschiebt sich, er entfällt nicht.
Beobachten Sie die mediane Review-Zeit, die durchschnittliche PR-Größe und den Anteil ungeprüft gemergter Pull Requests. Ein spürbarer Anstieg über mehrere Sprints ist ein frühes Warnsignal.
Ja. Reine Ausstoßmetriken wie Lines of Code oder PR-Zahl verlieren an Aussagekraft. Verifikationsqualität und Architekturentscheidungen sind die aussagekräftigeren Signale für Seniorität.
Tendenziell ja, denn Freigabeverantwortung bleibt dort namentlich zugeordnet und muss auditfähig dokumentiert werden, unabhängig davon, wie schnell der Code entstanden ist.
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